Nichts für ungut, liebe Oma!

Wir als Frauen hadern doch alle mit unserem Alter. Die Einen mehr, die Anderen weniger. Nur alterslos möchte ich nicht sein, und deshalb mache ich über meine zurückliegenden Jahre, in Zahl ausgedrückt, kein Geheimnis. Obwohl es mich dann doch schon freut, wenn jemand „junge Frau“ zu mir sagt. Immerhin besser als „alte Oma“. Um Frauen  richtig anzusprechen zu können von denen man(n) nicht den Namen kennt,  benötigt schon ein wenig Fingerspitzengefühl. Ein klares Problem  für die Männerwelt, es sei denn, sie sprechen alle weiblichen Wesen mit „Alte“ an.
Als ich mit 29 Jahren flott mit dem Rad, mein kleiner Sohn im Fahrradkörbchen, über Norderney radelte, riefen sich zwei Jungs zu: „Mach mal für die Oma Platz“. Ich bin fast vom Fahrrad geflogen, so baff war ich.
Liebe Oma, nichts für ungut jetzt, aber wie du auf dem Foto mit 72 Jahren sah ich nun wirklich nicht aus. Zirka drei Jahre später, knapp mal 32 Lenze jung, gerade aus dem Urlaub gekommen, knackig braun, lange blonde Haare, flippige Klamotten an, gute Figur, besuchte ich meine Mutter in der Nähe von Frankfurt. Auf der Dorfstraße pfiffen einige Herren der Schöpfung hinter mir her. Lachend drehte ich mich um (ja, ich weiß, das tut eine Dame nicht).  Mama, hätte ich mal auf dich besser gehört,  denn just in dem Moment sagte der Eine zum Anderen: „Nee, viel zu alt“. Mein Selbstbewusstsein war platter als der Asphalt auf der Straße. Nie wieder werde  ich auf das vogelstimmenähnliche Zwitschern fremder Männer reagieren, schwor ich mir. [spoiler] Gestern aber passierte wieder etwas, was ich bis jetzt noch nicht so richtig einordnen kann: Ich stand mit meinem PKW am Flughafen Weeze am Straßenrand und wartete nur noch auf eine SMS meines Sohnes,  ob alles klar gegangen ist mit seinem Abflug, als mir eine fröhliche Stimme etwas was zurief.  „Junges Fräulein, hier können sie aber nicht parken!“  Mein erster Gedanke war: Petra du hast dich verhört. Zweiter Gedanke: Der meint nicht mich.  Doch, er meinte mich. Und dann kam er auch noch auf mich zu, lächelte, schob seine Sonnenbrille wie George Clooney mit einer coolen Geste auf den Kopf und ließ seine Hände lässig in die Taschen seines  Blaumanns gleiten.   Fräulein und jung. Jung und Fräulein, quasi Jung-Fräulein. Ich konnte es kaum fassen. Es liegt an der tief stehenden Abendsonne und der Typ hat dadurch eine Erscheinung, fiel mir  ganz spontan ein. Nur nicht lächeln, sagte mir eindringlich mein Verstand. Und außnahmsweise war das genau richtig. Denn was ihn zu dieser doppeldeutigen Anrede veranlasste war mir schnell nach dem zweiten Satz klar. „Wenn sie jetzt nicht hier weg fahren, dann schleppen wir sie ab“. Hilfe! Jetzt bekam ich es mit der Angst, denn das war zu viel für eine Frau in meinem Alter: Jung-Fräulein und Abschleppen. Soviel Ehre in meinem Alter konnte ich doch nicht ertragen und ich gab schleunigst Gas. Dann doch lieber „Oma“ und einige Sorgen weniger. Zehn Minuten kam dann auch die erlösende SMS meines Sohnes: „Mama, alles klar. Gute Heimfahrt“.[/spoiler]